Bilanz
Well done! London feiert ein Sommermärchen
Von Bettina Lenner, sportschau.de

Elektrisierte die Massen: Rad-Idol Chris Hoy.
Well done, London! Kein Terror, keine Staus, kein Dauerregen - die 28. Sommerspiele der Neuzeit waren wie die Metropole selbst: lässig, weltoffen, unkompliziert. Die Briten erwiesen sich als ebenso enthusiastische wie freundliche Gastgeber und machten aus dem Weltereignis ein unbeschwertes, mitreißendes Sport-Spektakel. Nicht zuletzt, weil das Team GB zur emotionalen Olympia-Party 65 Medaillen beisteuerte und damit wie erhofft sein Ergebnis von Peking (47 Medaillen, 19 Mal Gold) locker toppte. Ob Rad-Idol Chris Hoy, der zum erfolgreichsten britischen Olympia-Teilnehmer aller Zeiten avancierte, Tennisheld Andy Murray oder Siebenkampf-Superstar Jessica Ennis: Das Vereinigte Königreich erlebte ein zweiwöchiges Sommermärchen und kam aus dem Feiern nicht mehr heraus - mitsamt seinen Edelfans Paul McCartney, William, Kate und Co., die den Spielen royalen Glanz verliehen.
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Phelps und Bolt auf dem Olymp, deutsche Reinfälle im Schwimmbecken, der "Hürden-Harting", Heidlers Hängepartie mit Happy End und ein fliegender Holländer am Reck. Olympische Momente für die Ewigkeit.
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Deutsches Team verfehlt Medaillenziel
Das beste britische Ergebnis seit 104 Jahren zeigt aber auch: Erfolg ist planbar. Satte 400 Millionen Euro wurden seit 2008 in das mit 542 Athleten größte Aufgebot der Londoner Spiele investiert. Während die Gastgeber im Goldrausch schwelgten, herrschte auf dem Festland Ernüchterung: Zwar belegte das deutsche Olympiateam im Medaillenspiegel den angepeilten sechsten Rang, verfehlte aber dennoch sein hochgestecktes Ziel meilenweit. 86 Medaillen, davon 28 goldene, sollten es im Idealfall werden, wie die Veröffentlichung der geheimen Zielvereinbarungen zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und seinen Verbänden zutage brachte. Nach 302 Entscheidungen kam das mit 392 Athleten kleinste deutsche Olympiateam seit der Wiedervereinigung aber lediglich auf 44 Mal Edelmetall (11 Gold, 19 Silber, 14 Bronze).
Schwimmer gehen im Becken leer aus

Paul Biedermann blieb unter seinen Möglichkeiten.
Als größtes Sorgenkind erwies sich dabei der Deutsche Schwimm-Verband (DSV), der im Becken komplett leer ausging und durch Freiwasserschwimmer Thomas Lurz mit Silber sein einziges Edelmetall holte. Als diesmal auch die Trümpfe Paul Biedermann und Britta Steffen nicht stachen, trat die ganze bittere Wahrheit ans Tageslicht: Deutschland ist schon lange keine große Schwimmnation mehr. Die DSV-Athleten waren nicht viel mehr als Statisten, als ein anderer bei seinem vierten und wohl letzten Auftritt endgültig den Olymp erklomm: Michael Phelps sammelte sein 18. Gold in zwölf Jahren und ist nunmehr der erfolgreichste Athlet der Olympia-Geschichte.
Sprintstar Bolt schreibt Geschichte
An Land krönte sich Usain Bolt zur schnellsten Legende der Welt: Der Superstar wiederholte als erster Sprinter das Triple über 100 und 200 m sowie mit der jamaikanischen Staffel, die ihren eigenen Weltrekord knackte. Die Konkurrenz hatte einmal mehr keine Chance. Wer Bolt bei der Arbeit beobachten wollte, musste sich allerdings sputen: Bei den Auftritten des bestbezahlten Leichtathleten der Welt platzte das Olympiastadion aus allen Nähten. Für die deutschen Läufer gab es in London nichts zu holen. Mit einmal Gold durch den Diskus-Riesen Robert Harting, viermal Silber und dreimal Bronze hielt der Deutsche Leichtathletik-Verband, der seine olympische Auferstehung feierte, dennoch Wort und übertraf das Ergebnis von Athen (zweimal Silber) und Peking (einmal Bronze) zusammen.
Magische, aber auch denkwürdige Momente

Losgelöst: Diskus-Riese Robert Harting nimmt auf der Ehrenrunde jede Hürde.
Die grandiose Triumphfahrt des Ruder-Achters zum ersten olympischen Gold seit 24 Jahren, Michael Jungs Doppelsieg in der Vielseitigkeit an seinem 30. Geburtstag, Hartings spontaner Hürdenlauf auf der Ehrenrunde, der erneute Sieg der Hockey-Herren, die eine von nur drei deutschen Mannschaften in London stellten - magische Momente gab es viele. Auch denkwürdige: Fechterin Britta Heidemann erlebte die wohl längste Sekunde der Spiele, als ihre südkoreanische Kontrahentin nach einer vermeintlichen Fehlentscheidung die Planche besetzte, die Leichtathletinnen Lilly Schwarzkopf und Betty Heidler durchlebten bange Minuten und Stunden, ehe sie nach Schiedsrichter-Fehlern und Technik-Pannen ihre Medaille sicher hatten. Ganz und gar hatte sich der olympische Geist zwischendurch beim Badminton-Turnier verflüchtigt: Insgesamt vier Doppel wollten mit Absicht verlieren, um später leichtere Gegner zu bekommen. Alle wurden disqualifiziert - ein richtiges und konsequentes Handeln.
Nur ein Medaillengewinner erwischt
Konsequent auch die Entscheidung der Ruderin Nadja Drygalla, vorzeitig abzureisen, als ihre Verbindungen zur rechten Szene bekannt wurden. Die Diskussionen um den Umgang mit der Athletin und der Affäre halten an. Kümmerlich fiel die Bilanz der größten Anti-Doping-Offensive der olympischen Geschichte aus: In rund 5.500 Tests ging den Fahndern nur ein einziger Medaillengewinner bei Kontrollen ins Netz. Kugelstoß-Olympiasiegerin Nadeschda Ostaptschuk verlor ihr Gold an die Neuseeländerin Valerie Adams.
Latte für Rio liegt hoch

Pure Begeisterung: Die britischen Fans gaben alles.
Illusionen muss man sich deswegen keine machen: Es ging auch in London um Spitzensport, mit allem, was dazugehört. Es werden nicht alle Sportler sauber gewesen sein, das Gros der Doper blieb wie immer unentdeckt. Dennoch: Die Spiele im liberalen, multikulturellen London waren ein großer Spaß, ein schöner, Völker verbindender Traum. Die Briten haben die Latte für Rio de Janeiro 2016 hoch gelegt. Die brasilianischen Gastgeber setzen auf Farbenpracht und Rhythmus und werden alles dafür tun, die Welt in einen ähnlichen Rausch zu versetzen wie Großbritannien. 1.453 Tage haben sie dafür noch Zeit.
Doping
Die Olympischen Spiele in London sind vorbei. Aber waren es auch "saubere Spiele"? Fragen an den ARD-Dopingexperten Hajo Seppelt. mehr
Stand: 13.08.2012 13:27