"Wir befürchten da eine neue Welle" Doping: Nahrungsergänzungsmittel unter Verdacht
Als die Biochemiker der Deutschen Sporthochschule in Köln 2002 zum ersten Mal Ergebnisse einer Analyse von Nahrungsergänzungsmitteln vorlegten, waren diese erschreckend: Von 630 untersuchten Vitamin- und Mineralstoffpräparaten waren viele mit Anabolika verunreinigt und bargen somit für Spitzensportler das Risiko einer positiven Dopingprobe.
"Wir orientieren uns an den Werbeaussagen"
Dr. Hans Geyer Geschäftsführer des Zentrums für Präventive Dopingforschung.Rechte: dpaZurzeit läuft in Köln eine Folgestudie, deren Ergebnisse noch ausstehen. Aber Hans Geyer, stellvertretender Leiter des Instituts für Biochemie der Sporthochschule und Geschäftsführer des angegliederten Zentrums für Präventive Dopingforschung, erklärt, dass ohnehin regelmäßig verdächtige Produkte überprüft würden. Und das, was dabei heraus kommt, sei "sehr bedenklich". "Wir orientieren uns an den Werbeaussagen", erklärt Geyer. "Wenn ein reiner Kräutertee zu enormen Abnehmerfolgen führen soll, oder wenn ein Kräuterpülverchen den Muskelzuwachs fördern soll, dann sind das hochverdächtige Produkte." Und regelmäßig ergeben die Analysen: Nicht die ausgewiesenen Kräuter führen zum angepriesenen Erfolg, sondern nicht ausgewiesene, aber hoch wirksame Medikamente, teilweise mit schweren Nebenwirkungen.
Über die Langzeitfolgen ist nichts bekannt
Marion Jones (2007) nach ihrer Verurteilung zu sechs Monaten Haft.Rechte: dpaMomentan entdecken die Kölner Wissenschaftler bei ihren Tests von im Internet oder auf dem Schwarzmarkt erhältlichen Tabletten und Pulvern vermehrt Stoffe, die gar nicht als Arzneimittel zugelassen sind, deren Nebenwirkungen also nicht abschätzbar sind. Darunter zum Beispiel Designersteroide wie THG, das einst vom kalifornischen Labor Balco entwickelt und unter anderem von der inzwischen gesperrten Sprinterin Marion Jones eingenommen worden war. Über die Langzeitfolgen durch die Einnahme solcher künstlich hergestellter Hormone ist nichts bekannt.
Die Hersteller mischen diese Substanzen bei, damit ihre Mittelchen auch tatsächlich die versprochene Wirkung haben. Abnehmen, Muskelaufbau, ein Energieschub - das alles sind jedoch Dinge, die eine harmlose Pille nicht auslösen kann. Doch das alles sind Dinge, die nicht nur für den Ottonormal-Menschen verlockend klingen, sondern auch für den Spitzensportler. Er riskiert mit der Einnahme solcher Produkte allerdings einen positiven Dopingtest. In einer Untersuchung des Deutschen Forschungszentrums für Leistungssport wurde festgestellt, dass etwa 80 Prozent der Athleten Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Ob das nötig ist oder nicht, ist zwar umstritten, es gibt gar Untersuchungen, die zeigen, dass die natürliche Trainingsanpassung dadurch gehemmt werden kann, doch Sportler glauben häufig, ihr Körper brauche wegen des vielen Trainings eine Zusatzportion an Vitaminen oder Mineralstoffen.
"Wir befürchten da eine neue Welle"
Mehr Informationen
- Medikamentendatenbank der NADA
- Liste von Nahrungsergänzungsmitteln des Olympiastützpunktes Rheinland
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Dabei können selbst vermeintlich harmlose Vitaminpräparate Tücken bergen. Werden sie nämlich in Abfüllanlagen gepresst, in denen auch Steroide verarbeitet werden, können Spuren davon in die Vitamintabletten geraten. Für eine Leistungssteigerung reichen diese Mengen in der Regel nicht, für einen positiven Dopingtest schon. "In diese Falle tappen Athleten immer wieder", sagt Hans Geyer. Und in der Zeit der vermehrten Kontrollen rund um die Olympischen Spiele könnte das natürlich auch wieder häufiger passieren. Ein Produkt, vor dem Sportler sich auch hüten sollten, sei zum Beispiel Geranium-Wurzelextrakt, das die Motivation und den Fettabbau steigern soll. Tut es auch, denn darin ist das Stimulanz Methylhexanamin enthalten - ein auf der Verbotsliste der Welt Anti Doping Agentur aufgeführter Wirkstoff.
Die Stimulanzien bereiten Geyer insgesamt Sorgen. "Wir befürchten da eine neue Welle", sagt er, einen neuen Trend auf dem Markt der vermeintlichen Wundermittel. So tauchten vermehrt so genannte "Neuro Drinks" auf. Getränke, die Motivation, Wahrnehmung, Leistungsbereitschaft fördern sollen. "Aber das Zeug wirkt ja nicht einfach so", sagt Geyer. "Deshalb befürchten wir, dass auch da bald Stimulanzien auftauchen werden." Und diese eigentlich verschreibungspflichtigen Wirkstoffe gefährden dann die Gesundheit der Konsumenten - und führen bei Spitzensportlern zu positiven Dopingtests. Geyer sagt: "Die Situation ist brenzlig, was da passiert, ist Wahnsinn."